Kant war kein Fan von Rap: Kunst leben: Richard Shusterman erinnert an die Ästhetik des Pragmatismus

Kant war kein Fan von Rap: Kunst leben: Richard Shusterman erinnert an die Ästhetik des Pragmatismus

Die Frage läßt den gemütlichen Leser auf der Couch für einen Augenblick sturzig werden. "Ist das Veröffentlichen philosophischer Texte unter dem Druck verantwortungsloser Akademiker der Postmoderne zu einem Ableger der ruchlosen, profitgierigen Kulturindustrie verkommen?" Richard Shusterman stellt sich die Frage im Vorwort und zielt auf das eigene Buch. Es mußte für die deutsche Ausgabe gewaltig gekürzt werden, "um mehr Leser zu erreichen." Ist das ein Grund? F&uu ml;r Shusterman ja, denn er hält die Fahne der Populärkultur hoch.

Und schon ist es da, das Dilemma. Populärkultur hat nichts übrig für zuviele Seiten und der Autor, der dem Leben Fragen ablauscht, muß demütig seine Antworten abspecken. Ob die Populärkultur von der ruchlosen lndustrie verei nnahmt wird, ist keine Frage mehr, sie ist diese Industrie. Eine Industrie, die gelegentlich ein paar Zeilen philosophischer Legitimation druckt.

Und warum auch nicht. Shustermon stützt sich immerhin auf die sogenannte Pragmatische Asthetik, die mit John Dewey begonnen und mit ihm beinahe auch wieder aufgehört hat. Anstelle komplizierter theoretischer Definitionen forderte Dewe y schon in den 30er Jahren eine Kunst als Erfahrung, Grund genug, um von der analytischen Asthefik gehörig ins Off geschickt zu werden. Seine Skepsis gegenüber den Ansprüchen der Theorie in Sachen Ästhetik war den Logikern schei nheilig. Dewey wollte Kunst als Einfühlung mit Stoffwechselprozessen verstanden wissen. Selbst der heutige Pragmatismus scheut vor dieser Ansicht zurück. Die Betonung körperlicher Erfahrung beim Kunstgenuß bleibt schwer verdaulich.

Richard Shusterman unterstützt nicht nur die Haltung Deweys, vielmehr holt er dessen Theorie aus dem Off zurück auf die Bühne. Nicht das Wesen der Kunst, meint er, wäre zu untersuchen, sondern die internen und externen Gründe und Standards ihrer Erfahrung. Diese Erfahrung geht anders als bei Dewey weit über dos unmittelbare. Erlebnis und die manifeste Kunst hinaus. Nicht die Gegenstände, sondern die Umstände lossen die Komplexität der Kunst erfahren.

Eine Fülle von Überlegungen und Beobachtungen macht Shustermans Lektüre, wie ehedem die von Dewey, zu einem Reservoir für die Kritik am bestehenden, eingeengten Kunstverständnis. Die Argumente sind präzise und kommen ohne agi tative Untergriffe aus. Im Gegenteil, Shustermans Hoffnung richtet sich sehnsuchtsvoll auf die Vermengung der hohen mit der populären Kunst. Eine voge Hoffnung, die vor allem die Froge provoziert, was denn unter populärer Kunst zu verstehen sei. Die Palette reicht vom Musikantenstadel über das Sportfest bis hin zu Rap und Funk. Letztere sind für Shusterman Paradebeispiele. Sie sprechen den elitären Kunstformen mittlerweile Rang und Berechtigung ab, auch in den intellektuellen Kr eisen Amerikas. Ob sie deswegen einer philosophischen Krücke bedürfen, ist eine andere Frage. Es scheint, als bräuchten wippende Bildungsbürger eine solide Rechrfetigung ihrer niederen Neigungen.

In der europäischen Tradition der Kunsttheorie hat die Populürkultur nie den Stellenwert erhalten, den sie in Amerika findet. Kant war kein Fan von Rap. Descartes war hip, aber ohne Grund und Basis, und selbst Adorno, der genau wie die Pragmatik er die dynamischen Elemente der Kunst ihren musealen vorgezogen hat, die soziale Reflexion dem Fetischkult und die Kommunikation der Präsentation, selbst Adorno lehnt jede Verschmelzung mit der abstoßenden Realität ab, die doch ihr Korrek tiv in der reinen Form des Kunst-Anderen benötigt.

In Amerika setzt das Korrektiv innen an. In letzter Zeit zieht eine Reihe von Ästhetikern eine historisierenden Ansicht vor, die ;Kunst als soziale Praxis umscheibt. Unter Praxis wird dabei ein Komplex von Handlungen verstanden, der Fertigkeiten und Wissen voraussetzt, um ein bestimmtes Ziel, zvm Beispiel die Portraitähnlichkeit zu erreichen. Möglicherweise wird über diesen Begriff der Praxis klar, daß eine Geschichte der Kunst nicht ausschließlich präsentiert und in e inem immer weiteren Theoriegebäude zusammengefaßt werden muß, sondern auch gemacht werden konn - beispielsweise durch theoretische Interventionen, politische Willkür, Kritik, Rezeption.

In der gegenwärtigen postmodernen Krise, in der die Kunst jede Orientierung verloren hat und nicht nur ihr Ende, sondern ihr Tod heraufbeschworen wird, entwickelt sich unaufhaltsam einerseits das revisionistische Bedürfnis nach kontemplativer Be trachtung, andererseits die Möglichkeit zu konstruktiver Gestoltungspolitik. Die pragmatische Ästhetik Shustermans legt eine aktivistische Rolle im Prozeß des Umdenkens und der Umformung der Kunst nahe, wenn sie die Kunst als Erfahrung neu beschreibt. Eine philosophische Deckung der Kulturindustrie wird beinahe ungewollt und fast hinterrücks zum Angriff. Was sie untur Populärkultur versteht, hat sie nie erklärt.

[Review by] Wolfgong Zinggl

Richard Shusterman: Kunst leben: Die Ästhetik des Pragmatismus. Aus dem Amerikanischen von Barbara Reiter. Fischer Verlag, Frankfurt a.M. 1994. 288 Seiten, 24,90 Mark.